5 Bushaltestellen und 1 Kulturscheune: Sechs Künstlerinnen und Künstler aus Colditz, Leipzig und Dresden haben umliegende Bushaltestellen mit ihren künstlerischen Arbeiten gestaltet und laden zum Verweilen ein. Die Ausstellung ist Teil der Reihe „Ortsgespräche“, einer Initiative der Schenkung Sammlung Hoffmann, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

AUSSTEIGEN / EINSTEIGEN

Ortsgespräche. Eine Initiative der Schenkung Sammlung Hoffmann

In der Reihe der „Ortsgespräche“ stellen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden seit 2020 Kunst- und Kulturinitiativen abseits der grossen Städte Werke von internationalem Renommee aus der Sammlung Hoffmann und der Schenkung zur Verfügung. Die Partner*innen suchen sich ein Werk aus dem Bestand aus und laden vorwiegend regionale Künstler*innen dazu ein, auf das ausgewählte Werk oder darin anklingende Themen mit neuen Arbeiten zu antworten. Entstanden sind bereits zehn Ausstellungen in über ganz Sachsen verteilten Kunsträumen. Die Initiative will den Austausch der SKD mit der Kulturszene Sachsens stärken und die Arbeit der vor Ort Agierenden unterstützen.

Zeitgemäß e.V.

ist Schnittstelle zwischen Stadt und Land

Für die Ausstellung „Aussteigen/ Einsteigen“ in Colditz und Umgebung hat die Kuratorin Julianne Csapo, für den neugegründeten Kunstverein Zeitgemäß e.V. das Video „The Train“ (2002/03) von der russischen Künstlerin Olga Chernysheva gewählt. Die Künstlerin zeigt in ihrem Werk auf einfühlsame, poetische aber auch absurd komische dennoch respektvolle Weise einen Einblick in die post-sowjetische Gesellschaft der 90´er Jahre.

Die Handkamera der Künstlerin führt zur vertrauten Musik von Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 durch einen Zug und lässt unseren Blick im Vorbeigehen durch mal leere, mal gefüllte Abteile streifen, durch Speisewagen und verdunkelte Schlafkojen. Uns begegnen Menschen vielleicht auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, in den Urlaub, oder Nachhause. Unser Weg wird von entgegenkommenden Passagieren immer wieder gebremst, und plötzlich stehen wir dichtgedrängt. Mal rezitiert ein älterer Herr für ein paar Münzen Puschkin, mal spielt ein Kind mehr schlecht als recht Akkordeon. In den Werken der Künstlerin wird der öffentliche Raum – wie hier die Waggons des Zuges – zu einem Raum individueller intimer Begegnungen.

Die Videoarbeit der Künstlerin Olga Chernysheva wird im Zeitgemäss e.V., zum Mönchsweg 4 04680 Colditz OT Erlbach, in einem Ausstellungsraum zu sehen sein, doch die fünf im Dialog dazu entstanden Arbeiten von Lisa Wölfel, Karl Lobo, Martin Schuster, Nari Jo, Philipp Rödel und Sabrina Walter werden dort entstehen und zu sehen sein, worauf Olga Chernysheva in ihrem Video verweist: im öffentlichen Raum.

Die Künstler:innen setzen sich mit dem öffentlichen Arbeiten und den Blicken der Passanten ebenso ausseinander wie mit dem Werk Olga Chernishevas, welches sie zu verschiedenen Herangehensweisen führt. Die Ergebnisse sind begeisternd verschieden, die Perspektiven inspirierend vielschichtig, aber mehr wird noch nicht verraten:)

Haltestelle Erlbach

Haltestelle Zschetzsch

Haltestelle Podelwitz

Haltestelle Commichau

Haltestelle Bockwitz

Der Film „The Train“ (2002/03) ist mit dem 2ten Satz, dem Andante des 21. Klavierkonzert in C-Dur KV 467 von Wolfgang Amadeus Mozart unterlegt, der sogenannten „unendlichen Melodie“. Da diese Musik so entscheidend ist, hat der Zeitgemäß e.V. mit Unterstützung der Kulturstiftung Sachsen noch die Musikerin Isabela Kalđunska an der Geige und den Musiker Lukas Dürr am Modularsynthesizer eingeladen in Bezug auf das Video von Olga Chernysheva ein klassisch/experimentell-elektronisches Musikstück zu komponieren. Diese werden am Sonntag den 17. September um 17 Uhr auf dem Hof des Zeitgemäß e.V. Zum Mönchsweg 4, 04680 Erlbach uraufgeführt..

Der starke Eindruck von gemeinsam erlebter Geschichte, die sich gleichzeitig nah und fern anfühlt, bewog Julianne Csapo dieses Werk zu wählen: „Wir teilen Raum und Zeit im öffentlichen Nahverkehr und doch sind wir nicht „zusammen“. Aus einer gewissen Entfernung jedoch betrachtet, räumlich oder zeitlich, wird eine kollektive Geschichte erkennbar. Jeder Moment den wir erleben, ist so gesehen von historischer Bedeutung.“ 

Julianne Csapo ist Bildhauerin und leitet seit 2019 das internationale Künstlerresidenz-program PILOTENKUECHE in Leipzig. Seit 2021 studiert sie Kulturen des Kuratorischen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig.